Warum wir die Welt nicht so einfach draußen lassen können
Inzwischen wenden sich ja schon viele ab: Drei von vier Deutschen vermeiden zumindest gelegentlich bewusst die Nachrichten. Immerhin jeder achte tut dies bereits andauernd, Tendenz steigend. Stichwort „Dauerkrise“. Schon das Wort allein lässt uns innerlich erschauern. Die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten, ein unkalkulierbarer Präsident in Washington, in die Höhe schnellende Energiepreise, eine Demokratie, die auf einmal angreifbar und nicht mehr stabil erscheint, ausbleibendes Wachstum – möchten Sie weiterlesen?
Wenn Unsicherheit zur Normalität wird
Anfang der 90er Jahre, die Sowjetunion war gerade implodiert, befasste sich das US-Militär mit der Frage, wie die Welt wohl künftig aussehen würde nach dem Kalten Krieg. Die Strategen im Pentagon, immer ihrer Zeit voraus, entwickelten ein Konzept, das zum Schlagwort für den Zustand unserer heutigen Welt geworden ist: VUCA.
VUCA ist ein Akronym aus vier Buchstaben. V steht für v-olatile. Volatil, „flüchtig“, „sprunghaft“. Ein Präsident, der morgens verkündet, er wolle Friedensverhandlungen mit dem Gegner – und kurz darauf ankündigt, er schicke 3500 Elitekämpfer ins Kriegsgebiet. Das, zum Beispiel, ist: volatil.
Das U in VUCA steht für u-ncertain. Unsicher. Die Klimakrise mit ihren spür- und sichtbaren Auswirkungen. Die immer weiter steigenden Energiepreise. Das Erstarken autokratischer Parteien. All das bricht mit der ruhigen Sicherheit der 90er Jahre, die am 11. September 2001 implodierte und endgültig erledigt war mit der Finanzkrise 2008.
C, c-omplex. Komplex, vielschichtig. Es hängt heute vieles mit vielem zusammen. Wenn der Iran angegriffen wird, darf Russland auf einmal wieder Öl verkaufen. Wenn ein Tanker im Suez-Kanal feststeckt, gibt es bei IKEA kein Billy-Regal mehr.
Und, schließlich, das A, das für a-mbiguous steht, mehrdeutig. Es ist nicht mehr eindeutig klar, was richtig ist und was falsch. Ist Künstliche Intelligenz ein Segen für die Menschheit und wird die notwendigen Innovationen ermöglichen? Oder wird KI die Menschheit vernichten? Oder Social Media: eine einmalige Möglichkeit für globale Kommunikation oder eine böse Macht, die die Hirne unserer Kinder verstrahlt? Wir wissen es nicht, für beide Seiten gibt es gute Argumente, also können wir nur schwer entscheiden. Und das macht die Sache kompliziert und anstrengend.
Die US-Strategen haben ziemlich richtig gelegen mit ihrem VUCA-Konzept. All das, was sie vor 35 Jahren prophezeit haben, ist wahr geworden. Heute leben wir in genau dieser Welt, der VUCA-Welt. In der Corona-Pandemie entwickelte der amerikanische Zukunftsforscher Jamais Cascio die Idee noch weiter zur BANI-Welt, um die immer noch chaotischeren, schwer verständlicheren Zustände auf der Erde zu verdeutlichen: b-rittle (brüchig), a-nxious (ängstlich), n-on-linear (nicht linear) und i-ncomprehensible, unverständlich, unbegreiflich.
Die psychische Rechnung der VUCA-Welt
Und all das, die völlige Unberechenbarkeit des Jetzt und der Zukunft, strengt uns sehr an. Das Leben insgesamt ist in dieser Welt um ein Vielfaches anspruchsvoller und stressiger geworden. Die Belastung durch psychische Störungen stieg zwischen 1990 und 2021 in der westlichen Welt um 17,9 Prozent an. Angststörungen nahmen in Nordamerika und Europa in dieser Zeit um 26 bis 30 Prozent zu, bei 16- bis 24-Jährigen hat sich die Zahl von Depressionen zwischen 2000 und 2019 verdoppelt.
Angst und Depressionen haben ihren Ursprung häufig in Unsicherheit. Wenn der Boden schwankt, fühlen wir uns nicht mehr wohl. Und wenn die Zuversicht verloren geht, dass die Zukunft besser wird als das Heute – was sind dann die Ziele, für die es sich einzusetzen lohnt? Eine Studie, die regelmäßig erforscht, wie die vier VUCA-Begriffe bei Angestellten und Managern ausgeprägt sind, kam zuletzt zu dem Schluss (2023), dass Unsicherheit für die höchste psychische Belastung verantwortlich ist. Und dass jüngere Führungskräfte (unter 35) deutlich höhere Werte auf allen vier Skalen haben.
Zahlreiche Studien haben einen Zusammenhang zwischen psychischen Belastungen und wirtschaftlichen Auswirkungen hergestellt. In Deutschland verursachten psychische Erkrankungen im Jahr 2023 insgesamt Gesundheitsausgaben in Höhe von 63,3 Milliarden Euro, 2020 waren das noch 56,4 Milliarden. Vier von fünf Fälle waren dabei mit den VUCA/BANI-assoziierten Krankheitsbildern Depression und Angststörung korreliert.
Wer Orientierung geben will, muss verstehen, warum sie fehlt. Die Anforderungen an Führung entstehen nicht im luftleeren Raum, sie sind die direkte Folge einer VUCA- und BANI-Welt, die zunehmend volatil, unsicher, komplex und schwer greifbar ist. Teil 2 unserer Blogreihe zeigt, warum Führung Sicherheit geben muss.
